Zertifikate

Coaching-Ausbildungen / Coaching-Weiterbildungen

Auf welcher Grundlage werden Zertifikate von den Coaching-Weiterbildungsanbietern verliehen? Welche Aussagekraft haben sie und wie ist es um die Qualitätssicherung bestellt?

Differierende Modelle der Zertifikatvergabe

Zertifikate, die eine Bescheinigung über das erfolgreiche Absolvieren einer Coaching-Weiterbildung darstellen sollen, werden in der deutschsprachigen Coaching-Weiterbildungsbranche auf der Grundlage deutlich differierender Modelle verliehen. So werden Zertifikate sowohl von privatwirtschaftlichen Weiterbildungsinstituten (in Form von Einzelunternehmen, Personengesellschaften und Kapitalgesellschaften) wie auch in Form von Master-Abschlüssen von Körperschaften des öffentlichen Rechts vergeben, als auch von in- und ausländischen Coaching-Verbänden (oftmals eingetragene Vereine) und Interessengruppen bzw. von bei Verbänden akkreditierten oder mit Interessengruppen assoziierten Coaching-Weiterbildungsanbietern.

In einer Übersicht von 28 im deutschen Raum aktiven Organisationen, zu deren Mitgliedern auch Coaches gehören, lassen sich 16 Organisationen finden, die sich um die Qualitätssicherung von Weiterbildungen bemühen (Hellebrand, 2015, S. 12 f.). Zehn dieser Organisationen bieten eine Zertifizierung für Weiterbildungen im Bereich Coaching an (ebenda, S. 22 f.), bei vier Vereinen soll eine Qualitätssicherung der Weiterbildung über die institutionelle Mitgliedschaft bzw. Anerkennung erfolgen (ebenda, S. 23 f.) und bei zwei Vereinen werden Lehr-Coaches ernannt, die Weiterbildungen anbieten können (ebenda, S. 24). Eine vergleichende Aussage über die Güte einer Qualifizierungsmaßnahme erweist sich als faktisch kaum sinnvoll, denn:

„Dies scheint in Hinblick auf das unterschiedliche Coaching-Verständnis, welches nicht zuletzt auf den ungleichen Sprachgebrauch zurückzuführen ist, ohnehin nicht möglich.“ (Hellebrand, 2015, S. 25). 

Kritische Einschätzung

In Anbetracht der Vielzahl vorhandener Coaching-Weiterbildungsanbieter und Coaching-Verbände ist eine Einschätzung über die Aussagekraft von Zertifikaten im Coaching-Markt daher selbst für erfahrene Spezialisten nur sehr schwer möglich. Daher gibt es nachvollziehbare Spekulationen, ob die Zertifizierung womöglich de facto eher anderen Zielen als denen der Qualitätssicherung der Coaching-Weiterbildung dient:

„Es entsteht der Eindruck, dass Menschen suggeriert wird, dass sie mit einem Zertifikat nach erfolgter Coaching-Ausbildung sofort tätig sein können. Demgegenüber steht die Erkenntnis, dass die Tätigkeit als Coach aufgrund ihrer Anforderungen Kompetenzen erfordert, die nicht nur durch eine Coaching-Ausbildung vermittelt werden können“ (Stein, 2013, S. 76). 

Auch über die Qualität der Prozesse, die einem verliehenen Zertifikat oder einer sonstigen Form von Qualitätssicherung zugrunde liegen, kann oftmals nur spekuliert werden. Entsprechend ist eine valide Bewertung von Laien bzw. Nicht-Branchenkennern nicht zu leisten und Zertifikate werden daher auch und gerade von Experten durchaus nachvollziehbar kritisch eingeschätzt:

„Selbsternannte Zertifizierer, Verbände und Coach-Klubs versuchen gutes von schlechtem Coaching zu scheiden. Diese Form der Qualitätsprüfung beruht auf der Kompetenz der Gutachter und der von ihnen angewandten Prüfverfahren. So kann man auch eine Wahl treffen zwischen dem eigenen Urteil in Vorgesprächen und dem Gutachterurteil oder beides kombinieren. Wer sich nur auf das Zertifikat verlässt, droht in den Fällen, in denen der Schein einfach nur Schein ist, das schlechtere Ende weg zu haben“ (Eidenschink, 2008).

Teilweise hat sich daher auch schon in populären Veröffentlichungen der Eindruck gebildet, dass die Zertifikate in der Coaching-Weiterbildungsbranche nicht zwangsläufig Ausdruck von Qualität sind, sondern es – zumindest auch – um wirtschaftliche Interessen geht:

„Zwar gibt es mehr als 20 Coaching-Verbände, die Ausbildungen nach unterschiedlichen Kriterien zertifizieren. Doch das dient vor allem dem Gewinn der Qualifikationshoheit und damit letztlich von Marktanteilen“ (Schwertfeger, 2014).

In dem Zusammenhang wird von Schwertfeger (2014) auch die mangelnde inhaltliche Fundierung vieler Coaching-Weiterbildungsangebote kritisiert, ein „Dschungel der Zeugnisse und Zertifikate“ bemängelt und dementsprechend geschlussfolgert, dass die Zertifikate im Coaching-Weiterbildungsmarkt „ein teures Muster ohne Wert“ darstellen (ebenda).

Angebot von Hochschulen

Ein weiteres Segment des Coaching-Weiterbildungsmarktes stellt neben den privatwirtschaftlichen Anbietern das zunehmende Angebot von Hochschulen im Bereich der Qualifizierung von Coaches dar. Ebermann (2016a, S. 10 f., vgl. Strikker & Strikker, 2013, S. 36 ff.) beschreibt acht akkreditierte, berufsbegleitende Studiengänge an deutschen Hochschulen, die eine Qualifizierung zum Coach beinhalten und mit einem Master of Arts abschließbar sind (siehe Tabelle).

DIN-Norm

Im Jahr 2004 wurde die Publicly Available Specification (PAS) 1029 „Kompetenzfeld Einzel-Coaching“ veröffentlicht und im Jahr 2008 in einer aktualisierten Form vorgelegt (Deutsches Institut für Normung, 2008). Die PAS 1029 stellt keine DIN-Norm dar, sondern eine öffentlich verfügbare Übereinkunft der Verfasser, der Akademie Deutscher Genossenschaften ADG und dem Coaching-Institut 3K Consulting, das inzwischen als SYNK GROUP GmbH & Co. KG firmiert. Auch wie genau die PAS 1029 erarbeitet wurde, ist nicht näher bekannt. Auf der Basis der PAS 1029 wurden durch die DIN CERTCO Gesellschaft für Konformitätsbewertung mbH Zertifikate „DIN-geprüfter Business Coach“ ausgestellt (Rauen, 2007d; Webers, 2008; 2010; vgl. Kübler et al., 2014). Diese Zertifizierung von Coaches durch die DIN CERTCO wurde allerdings im Jahr 2010 eingestellt (DIN CERTCO Gesellschaft für Konformitätsbewertung mbH, 2016).

Unabhängig von den formalen Aspekten und der eingestellten Zertifizierung stellt die PAS 1029 keinen Standard für Coaching-Weiterbildungen dar, sondern ist als „Dienstleistungsqualitätsmodell für das Einzel-Coaching (Business-Coaching)“ konzipiert worden und thematisiert „Planung, Durchführung und Steuerung von Coachingmaßnahmen“ sowie „Kompetenzfelder eines Coaches zur Erfüllung der Anforderung der PAS 1029“ (Deutsches Institut für Normung, 2008). Wird die PAS 1029 am Ende einer Coaching-Weiterbildung eingesetzt, prüft sie somit ein vordefiniertes Fähigkeits-Eigenschaftsmodell des entsprechenden Coachs und seiner Vorgehensweise, also bestenfalls die Ergebnisqualität einer Coaching-Weiterbildung. Offen bleibt die Frage der inhaltlichen Validität sowie der Reliabilität und Objektivität des eigentlichen Prüfungsverfahrens.

Fazit

Insgesamt betrachtet kann daher festgehalten werden, dass für die Zertifikate im deutschsprachigen Coaching-Weiterbildungsmarkt ähnliches gilt, wie für den Coaching-Markt und den „Markt“ der Coaching-Verbände: Unterschiedliche Standards und Verfahrensweisen, mangelnde Transparenz, die tendenzielle eher zunehmende Komplexität der Marktstruktur und letztlich auch ein unpräziser Sprachgebrauch lassen aktuell (Stand: Juni 2016) eine valide Einschätzung der Güte von Coaching-Weiterbildungen allein über Zertifikate von Verbänden oder ähnlichen Organisationen bzw. von den Coaching-Weiterbildungsanbietern selbst faktisch nicht zu.

Literatur

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