Der Titel von Edda Wildes Buch („Werden, wer wir nicht waren“) löste bei mir unmittelbar Resonanz aus, da ich kurz zuvor Roger Willemsens geistreiches Buch („Wer wir waren“) gelesen hatte. Willemsen konstatiert 2017 in seiner Zeitdiagnose, dass wir unser Leben „geradezu als Prozess gegen das Bewusstsein [organisieren], gegen die Geistesgegenwart, also die Voraussetzung für Mündigkeit, Souveränität, Selbstbestimmung und eine entsprechende vernunftgeleitete Praxis“ (Willemsen, 2017, S. 30). Wildes Buch bietet in meiner Lesart eine konkrete und handlungsleitende Antwort auf diese Mahnung.
Ich lese Wildes Buch als Navigationshilfe zur Rückgewinnung ebenjener Geistesgegenwart und Mündigkeit. Es „handelt davon herauszufinden, wer wir sind und wer wir sein wollen, und davon, unser Leben darauf aufbauend immer wieder neu zu gestalten“ (S. 11). Dabei wird sie ihrem selbst gesetzten Anspruch gerecht „theoretische wie praktische Impulse“ zu geben und „zum Reflektieren und Weiterdenken an[zu]regen — und zwar ohne ratgebend zu agieren“ (S. 14).
Wie gelingt ihr das? Wilde zeichnet mit ihren fünf Kapiteln und insgesamt 60 „Betrachtungen“ eine Landkarte der persönlichen Veränderung. Diese Landkarte ermöglicht dem Lesenden Orientierung in herausforderndem Gelände und lädt dazu ein, unterschiedliche Aspekte von Veränderung in den Blick zu nehmen und ganz konkrete Schritte im Territorium des eigenen Lebens mit seinen spezifischen Veränderungsvorhaben zu gehen.
Beim Blick auf die Kapitelstruktur ist sofort zu erfassen, dass es Wilde um ein tieferes Verständnis von Veränderungsprozessen geht, das sie in einer eigenen Betrachtung (siebte Betrachtung) auch explizit von der Selbstoptimierung als „defizitäre[m] Veränderungswunsch“ (S. 45) abgrenzt.
Die Kapitelstruktur und die programmatischen Überschriften sind bereits interessante Wegweiser für eine Selbstbefragung hinsichtlich der eigenen Position in der Veränderungslandschaft:
Der gesamte Lebenszyklus persönlicher Veränderung ist damit nachgezeichnet. Der Lesende hat – ganz im Sinne des für Veränderungsprozesse notwendigen Bedürfnisses der Selbstbestimmung – jederzeit die Möglichkeit, genauer hinzuschauen, eine höhere Auflösung bei der Betrachtung der Veränderungslandschaft zu wählen.
Die 60 Betrachtungen, die jeweils auf drei bis fünf Seiten ein Fokusthema behandeln, sind „so gestaltet, dass sie auch unabhängig voneinander gelesen werden können, als eigene Einheiten, die sich auf einen bestimmten Gedanken konzentrieren“ (S. 16) und „Gedankenspielräume“ (S. 15) eröffnen. Theorie und Praxis – sofern diese Trennung in irgendeinem Sinne bei dieser Thematik überhaupt hilfreich ist – sind gut ausgewogen,
Das Buch schafft „ein tieferes Verständnis für persönliche Veränderungsprozesse, indem es Methoden und Theorien zum Thema darlegt – wobei es keinen wissenschaftlichen Anspruch erhebt“. Dabei nutzt die Autorin „das Wissen aus unterschiedlichen Disziplinen und Zeiträumen – von der antiken Philosophie bis zu aktuellen Ansätzen aus der Psychologie, Soziologie oder Ökonomie“ (S. 15).
Wilde verbindet auf diese Weise gekonnt die Breite und Tiefe der Thematik und bietet eine Fundgrube an Reflexionsimpulsen für die Beratungspraxis und Lebensführung in Form eines klugen, eleganten und zeitgemäßen Plädoyers für die menschliche Wandlungsfähigkeit, für den „gestaltenden Menschen“ (S. 12) [Herv. i. O.], der geistesgegenwärtig Veränderungserfordernisse erkennt und in ein persönlich stimmiges Handeln übersetzt.
Fazit: Das Buch ist besonders Praktikern in Therapie, Beratung Coaching sowie Lehrenden, Studierenden und Menschen in Umbruchphasen zu empfehlen, die Veränderung als Chance für eine gelingende Lebensführung begreifen wollen.
Quelle: Willemsen, R. (2017). Wer wir waren: Zukunftsrede. Frankfurt: S. Fischer.
Andreas Broszio