Eine Frauenhand mit schwarz lackierten Nägeln bietet dir einen leckeren Donut mit pinkem Zuckerguss und bunten Streuseln an. Da führt dich jemand in Versuchung. Beim Assoziieren weckt das Bild auf dem Cover gewagte Konnotationen. Ach ja, und Veränderungen dürfen „sexy“ sein – der Autor Tom Küchler spielt gerne mit Akronymen. Der komplette Titel der Druckwerk gewordenen Verführung lautet: „Veränderung darf S.E.X.Y. sein! Systemisch-integratives (Selbst-)Management“. Unter uns: Buchhändler nennen Werke mit erotischer Handlung mit Blick auf ihr Cover „Nackenbeißer“ – und ganz so abenteuerlich wird es hier nicht.
Küchler kennt Veränderung nicht nur aus der Theorie. Der 1971 geborene, in der DDR ausgebildete Elektronikfacharbeiter hat sich nach der Wende neu erfunden – als Sozialpädagoge, Streetworker, Geschäftsführer eines Fachverbandes – und schließlich als systemischer Coach, Supervisor und Kurzzeittherapeut im sächsischen Olbernhau. Heute leitet er das Systemische Institut Sachsen mit, hat den „syntegrativen" Beratungsansatz begründet und bildet in seiner eigenen PraxisAkademie aus. Als Autor hat er sich mit seinem zweiten Buch „HIRNgeküsst" (2023) hinderlichen Glaubenssätzen gewidmet.
Das Taschenbuch im Softcover hat einen Umfang von 123 Seiten. Als Zielgruppe hat Küchler an Selbstmanagement Interessierte sowie „professionelle Menschenbegleiterinnen und -begleiter“ im Blick. An die Vorbemerkung als Einleitung schließen sich vier Teile als „Begegnungen“ plus zwei Seiten Literatur an. Sprachlich bietet das Buch Leichtigkeit, ist zugänglich und anschaulich geschrieben. Das Spiel mit der Erotik wird gelegentlich aufgegriffen – ebenso wie der Donut aus dem Titelbild. Dieser weist als Symbol auf Textblöcke mit Impulsfragen hin. Grafiken und Schaubilder unterbrechen und visualisieren die Infos aus dem Text. Farbige Überschriften geben Orientierung beim Lesen und Wichtiges ist in pinken Kästen hervorgehoben. QR-Codes führen als Links zu vertiefenden Inhalten auf der Website potenzialentfaltung.org oder andere Seiten. Und immer wieder ist die Wissenschafts- und Kulturgeschichte präsent als zum Inhalt passendes Zitat.
In der ersten der vier „Begegnungen“ werden innere und äußere Faktoren der Begrenzung oder auch Unterstützung beleuchtet. Die zweite Begegnung besteht aus systemtheoretischen Grundlagen. Den Kern des Buches bildet die dritte Begegnung. Hier wird das „sexy“-Akronym entfaltet für Selbstverantwortlichkeit, Zielarbeit, Entscheidungsarbeit und das Ausschöpfen von Ressourcen. Als Methoden im Veränderungsprozess stellt Küchler die Mustererkennung von Kognition, Emotion und Verhalten (KEV) vor. Dazu kommen eine ganze Reihe von Ansätzen aus dem systemischen Köcher, zum Umgang mit Ambivalenzen, der Salutogenese oder auch eine Annika-Pippi-Sinn-Aufstellung. In der vierten Begegnung spricht er abschließende und zusammenfassende Gedanken aus.
Die Erstauflage von 2016 hieß noch „Veränderung muss S.E.X.Y. sein!". Fast zehn Jahre später ist aus dem Muss ein Darf geworden. Das eröffnet Spielräume, so wie es das ganze Buch tut. Es sprudelt über von Ideen und Konzepten. Es kann den systemischen Umgang mit sich und den Themen des Lebens einer großen Zahl Interessierter näherbringen. Dieser Erfolg ist dem Buch zu wünschen. Das Buch macht Spaß, ist gewitzt und kurzweilig und gibt viele Impulse zur Stärkung von Selbstwirksamkeit. Ganz unbefangen borgt sich der Autor Titel bekannter Fachbücher als Überschriften aus, etwa wenn „Ziele wie Küsse schmecken“ und es einen „Dreh“ gibt. Innovativ sind die QR-Codes. Als Links laden sie zum Wechsel des Mediums ein und vertiefen einzelne Punkte anschaulich. Mit diesem Content ist die eine Zielgruppe versorgt.
Für „professionelle Menschenbegleiter“, also für Coaches, bietet das Buch wenig Neues. Die Vielzahl der Konzepte und Methoden ist bekannt. Das Label „syntegrativ“ ist charmant und griffig, aber das Buch vermittelt mehr eine Haltung im Umgang mit Veränderung als ein konkretes, systematisches Konzept. Und die Haltung, den Blick auf Menschen, haben sich professionelle Coaches idealerweise bereits in ihrer Ausbildung erarbeitet. Coaches in Ausbildung und in ersten Beratungssituationen werden hier eher fündig. Sie bekommen eine Idee, wie Haltung und Methode ineinandergreifen und sich beim Klienten die Bereitschaft zur Veränderung stimulieren lassen könnte.
Fazit: Ein Buch für Neugierige, für Menschen mit Lust auf Veränderung und mit der unbefangenen Frage unterwegs: Wie packe ich meine Änderungswünsche und -ideen an? Für etablierte Coaches ebenso eine schnell zugängliche methodische Auffrischung wie eine sprachliche Inspiration. Aber der Donut ist eher ein Snack als eine vollwertige, ausgewogene Mahlzeit, das Buch eher ein Abenteuer als eine auf Dauer angelegte Beziehung.
Torsten Ferge
Coach und Supervisor
www.ferge-coaching.de