Cover: Sinncoaching
Ralph Schlieper-Damrich

Sinncoaching

Rezension von Janine Wunder

3 Min.

„Sinncoaching“ endet mit einer Aussage, die überraschend plakativ abrundet, was Ralph Schlieper-Damrich zuvor entfaltet: „Ja, vielleicht ist Sinncoaching ein bisschen frivol. Es erlaubt sich nämlich den Luxus, an den Menschen zu glauben, auch wenn dieser gerade lieber an seine Grenzen glaubt. Das ist nicht immer bequem.“ (S. 266) Er verdichtet damit die zentralen Gedanken, denen er zuvor Stück für Stück gefolgt ist – ruhig, präzise und mit bemerkenswerter Tiefe.

Als profilierter Vertreter einer werte- und sinnorientierten Coaching-Tradition knüpft Schlieper-Damrich an die Sinntheorie Viktor Frankls an und gilt als Pionier ihrer Weiterentwicklung für Coaching. Dabei verbindet er psychologische, philosophische und organisationspraktische Perspektiven und fügt den vorherigen Publikationen „Wertecoaching“ und „Krisencoaching“ hiermit ein fundiertes eigenständiges Werk hinzu.

Das Buch ist kein schneller Werkzeugkasten, sondern eine sorgfältige Annäherung an die Denk- und Haltungstradition der Existenz- und Logotherapie. In elf Kapiteln führt es von grundlegenden Begriffen wie Hoffnung, Trotzkraft oder Wirklichkeit über theoretische Modelle bis hin zu detaillierten Coaching-Verläufen. Anhand von Klienten-Personas wird nachvollziehbar, wie sich abstrakte Konzepte in individuellen Krisen- und Entscheidungssituationen anwenden lassen und wie im Unterschied zu stärker lösungsorientierten Ansätzen konsequent die Sinn- und Werteebene in den Mittelpunkt gestellt werden kann. 

Bemerkenswert ist die Balance zwischen akademischer Schärfe und erzählerischer Zugänglichkeit. Zitate, Infokästen und Reflexionsimpulse strukturieren den dichten Inhalt und Anhang zusätzlich, ohne ihn zu banalisieren. Die Sprache bleibt stets klar und differenziert und zeigt die sorgfältig durchdachten Gedanken des Autors sowie seine überragende Fähigkeit, eine tragfähige Brücke zwischen Theorie und Praxis zu schlagen. Tiefgehende Fragen und Denkpfade laden dazu ein, die eigene Coaching-Haltung zu reflektieren und zu festigen, insbesondere in den dialogisch dargestellten Coaching-Prozessen.

Das Buch richtet sich an erfahrene Coaches mit Interesse an theoretischer Tiefe. Wer eine kompakte Einführung sucht, wird hier weniger abgeholt. Wer bereit ist, sich auf ein anspruchsvolles und klug komponiertes Fachbuch einzulassen, findet hingegen ein gehaltvolles Werk. Eine zusätzliche Webseite zum Buch punktet mit vielen Ergänzungen, Links und Download-Ressourcen (z.T. kostenpflichtig).

Schlieper-Damrich fragt, wie Coaching dazu beitragen kann, dass Menschen sich und den Sinn in ihrem privaten oder beruflichen Leben nicht verfehlen. „Sinn ist nicht machbar, aber auffindbar. Man muss nur aufhören, ihn konsequent zu übersehen.“ (S. 265) Wenn er also selbst von Frivolität im Sinncoaching spricht, ist diese bewusst und im besten Sinne eingesetzt. Denn dann dient sie dazu, Schwere aufzubrechen und damit verbundene Grenzen und Denkgewohnheiten spielerisch und mit Humor hinterfragen zu können.

Fazit: „Sinncoaching“ ist ein tiefgehendes, anspruchsvolles Buch. Wer sich darauf einlässt, findet eine ungewöhnlich dichte und nachhaltige Arbeitsgrundlage für die eigene (frivole?) Coaching-Haltung.

Janine Wunder

hello@janinewunder.de

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