Erstaunlich, wie wenig Beachtung ritualisierte Abläufe in Organisationen von der Forschung bisher erhalten haben. Mit Jürg Fassbind wirft nun ein Organisationsentwickler einen Blick auf Rituale. Dabei geht es ihm nicht um ritualisierte Abläufe des organisationalen Alltags, sondern um Rituale im Kontext von gecoachten Organisationsentwicklungsprozessen.
Zunächst ist es dem Autor wichtig, zwischen Spiritualität und Esoterik zu differenzieren. Spiritualität, Esoterik und Rituale werden oftmals in Zusammenhang gesehen. Spiritualität sieht der Autor als zentrales Element von Ritualen – von Esoterik nimmt er dezidiert Abstand.
Von den verschiedenen Ritualformen und -modellen wird in diesem Buch der Schwerpunkt auf zwei Modelle gelegt: rituelle Interventionen und Change-Rituale.
Rituelle Interventionen orientieren sich an den Interventionstools der Organisationsentwicklung; sie erweitern diese und vervollständigen sie durch körperlich-sinnliche Erfahrungen und greifen so in die Dynamik der Prozesse ein. Im Gegensatz dazu sind Change-Rituale sorgfältig geplant und bewusst in den Gesamtkontext des Change-Prozesses eingebettet. Konzeptionell orientieren sie sich an Kurt Lewins Change-Modell. Sie stellen eine Form von Übergangsritualen dar, die konkret für die teilnehmende Gruppe komponiert wird. Zu beachten ist, dass Fassbind unter dem Begriff Ritual Interventionen meint, die bestimmten Abläufen folgen, nicht berücksichtigt wird von ihm dabei der Aspekt der Wiederholung, der der klassischen Ritual-Definition immanent ist.
Fassbind sieht, dass in Organisationen und bei deren Management das lineare Fortschritts- und -wachstumsdenken enormen Druck erzeugt und die Furcht zu scheitern steigt. Dabei wird das Gewordene, die Kraft der organisationalen Vergangenheit vernachlässigt und verdrängt. Hier eröffnen Rituale den Raum für die Erfahrung des Eingebundenseins im Gegensatz zur Fokussierung auf schnelle Erfolge. In einem leider sehr kurzen Exkurs erwähnt der Autor die naheliegenden Risiken von Ritualen, nämlich Manipulation und Machtmissbrauch. Diese Gefahr wird leider von Fassbind vorschnell und diskussionswürdig heruntergespielt.
Nachdem die konzeptionelle Basis geklärt ist, nimmt die Anwendungspraxis erfreulich breiten Raum ein. Für rituelle Interventionen stellt der Autor 27 unterschiedliche Impulse vor. Er liefert Vorschläge zum Ablauf und Setting, der Platzierung im Prozess oder einer Veranstaltung und Beispiele. Angefangen von „Einbetten in Raum und Zeit“ über „Wandeln von Belastendem“ hin zu „Anker im Alltag“. Ähnlich differenziert und bedacht ist die Darstellung der Change-Rituale; einzelne rituelle Interventionen finden Verwendung in den unterschiedlichen Phasen des Übergangsprozesses.
Fazit: Fassbind veröffentlicht ein anwenderfreundliches Grundlagenwerk, das auch erfahrenen Lesenden genügend Impulse zur Reflexion gibt. Führungskräfte, HR-Mitarbeiter, Prozessmoderatoren und Coaches können profitieren.
Dr. Christine Kaul