Ilka R. Hoffmann-Bisinger

Innere Bilder – Der Schlüssel zur Veränderung.

Rezension von Andreas Broszio

5 Min.

Im Talmud heißt es: „Wir sehen nicht die Dinge wie sie sind, sondern wir sehen sie, wie wir sind.“ 

Dies kann als Einladung verstanden werden, bei der Klärung und Lösung von Problemen an der Selbstreflexion anzusetzen. Auch wenn es systemisch-konstruktivistisch betrachtet nicht möglich ist, zu erkennen, wie man „ist“, so eröffnet die Auseinandersetzung mit der eigenen Wahrnehmung und Interpretation von Phänomenen einen Raum für Veränderung. Um im Bild zu bleiben: Das Öffnen und Betreten dieses Raumes setzt voraus, dass ein passender Schlüssel zur Hand ist. Ilka R. Hoffmann-Bisinger reicht ihn uns mit diesem Buch, das die transformative Kraft innerer Bilder thematisiert. 

Die Autorin hat die Analoge Systemische Kurztherapie – das Ask!-Modell – am Mental Research Institute (MRI) in Palo Alto (USA) in den Jahren 1996 bis 1999 entwickelt und präsentiert in diesem Buch nicht nur eine methodische Anleitung zur Arbeit mit inneren Bildern, sondern konzeptualisiert „eine Haltung zur Veränderungsarbeit und dadurch auch eine Haltung zum Leben und seinen Prozessen“ (S. 15), die Menschen dabei unterstützt „mit sich selbst in Kontakt“ (ebd.) zu kommen. Grundlegend dafür ist das Konzept der Veränderung zweiter Ordnung, das die Autorin in Kapitel 1 (Wurzeln und Entwicklung des ASK!-Modells) mit Bezug auf Watzlawick et. al. (1974) anhand konkreter Beispiele erläutert. Dabei geht es um eine Überwindung von – oftmals problemstabilisierenden – Ansätzen eines „mehr desselben“, also einer „Veränderung, die innerhalb eines Systems auftritt, welches selbst unverändert bleibt (Veränderung erster Ordnung)“ (S. 24). Ziel dieser Transformation ist eine „Veränderung, die das System selbst verändert (Veränderung zweiter Ordnung)“ (ebd.). 

Im weiteren Verlauf entfaltet und konkretisiert die Autorin diese paradigmatische Basisorientierung Schritt für Schritt und bietet den Lesenden dabei die Gelegenheit, die eigene Perspektive und Handlungsweise zu reflektieren. 

Im Kapitel 2 (Prinzipien der Veränderung – Wirkfaktoren im ASK!-Modell) beschreibt Hoffmann-Bisinger die Prinzipien Perspektivwechsel, Musterbildung (Veränderung erster Ordnung), Musterunterbrechung (Veränderung zweiter Ordnung) und Nachhaltigkeit. Dabei erfahren die Lesenden in gleichermaßen verdichteter wie anregender Form etwas zur 

  • systemisch-konstruktivistischen Haltung und deren Konsequenz, nämlich „den Kampf um Wahrheit und Rechthaben loszulassen und sich stattdessen gemeinsam zu fragen: Was ist nützlich und was hilft weiter?“ (S. 35), 
  • Problementstehung aufgrund „unserer inneren Bilder“ (S. 39) bzw. zur Bedeutsamkeit des Bild-Reaktions-Systems (BRS), in dem „die ‚Brille‘, also das innere Bild, durch welches Ereignisse im Leben wahrgenommen werden, mit einer meist automatischen inneren und äußeren Reaktion verknüpft“ (S. 49) ist,
  • „Unterbrechung von Mustern, der Bild-Reaktions-Systeme durch Kooperative Analoge Intervention (KAI)“ (S. 70) sowie die Utilisation impliziten Wissens i.S.v. „Ressourcen, die gegenwärtig weder aktiviert noch zugänglich sind bzw. durch die Zensur des rationalen Verstandes blockiert werden“ (S. 83) und 
  • Ermöglichung nachhaltiger Veränderung und wie „neue Wege […] so ‚attraktiv‘ werden, dass sie sich auch als Gewohnheit etablieren können“ (S. 119)

Bis hierher haben sich die Lesenden eine differenzierte theoretische Grundlage erarbeiten können, die bereits viele praktische Perspektiven umfasst. Im folgenden Praxisteil elaboriert die Autorin die praktischen Implikationen. 

Nachdem in Kapitel 3 (Anwendungsgebiete des Ask!-Modells) die breite Anwendbarkeit mit Verweis auf den Primärfokus („Prozess rund um das Problem“) und den „Verzicht auf Interpretation und Deutung“ (S. 129) begründet wird, widmet sich Kapitel 4 (Haltung im Ask!-Modell) ausführlich der Haltung, in deren Zentrum die Überzeugung steht, dass „nicht Ein-sicht und Verstehen, sondern Anders-sicht und Perspektivwechsel“ (S. 132) veränderungswirksam sind. 

Kapitel 5 (Die Phasen des Ask!-Modells – Veränderung in drei Schritten) führt die Lesenden durch die drei Phasen des methodischen Vorgehens und bietet einen konkreten Handlungsleitfaden zur Umsetzung der zuvor definierten Veränderungsprinzipien. Ein kommentiertes Fallbeispiel erleichtert den Praxistransfer und vermittelt ein anschauliches Bild der durch das Ask!-Modell ermöglichten Veränderungsdynamik. 

Kapitel 6 (Variationen des Ask!-Modells mit Beispielen) bietet unterschiedliche Umsetzungsformen wie die „Ask!-Langform – Kooperative Analoge Intervention mit Imagination“ (S. 232 ff.) und die „Ask-Kurzform – Kooperative Analoge Intervention als ‚visuelles Memo‘“ (S. 236 ff.) sowie die „Ask!-Skulpturarbeit – Kooperative Analoge Intervention als Körperhaltung“ (S. 242 ff.) und die „Ask!-Teilearbeit – Kooperative Analoge Intervention mit inneren Anteilen“ (S. 247 ff.). Auch hier geben ausführliche Fallbeispiele Anregungen zur Integration des Ask!-Modells in die eigene beraterische/therapeutische Tätigkeit. 

Kapitel 7 (Analoge systemische Paartherapie) leistet den Transfer des Modells in den Bereich der Begleitung beruflicher und privater Paare und zeigt, wie es gelingt, mithilfe des Ask!-Modells Konfliktlösungen zu unterstützen. Auch hier spielt die Identifizierung gewohnheitsmäßiger Muster, die sich verselbstständigt haben, und deren Unterbrechung eine zentrale Rolle. Um in diesem Kontext „Veränderungsprozesse anzustoßen“ (S. 283) ist die Prämisse grundlegend: „Der gemeinsame ‚Paartanz‘ ist das Problem, nicht der Partner!“ (ebd.)

Die Autorin rundet das Buch mit autobiografischen Hinweisen zum Entstehungshintergrund des Ask!-Modells ab und gibt abschließend einen Ausblick auf künftige Fragen für Coaching und Therapie, die sich für sie v.a. auch aus den Entwicklungen im Bereich der Künstlichen Intelligenz (KI) ergeben.   

Fazit: Das Buch ist eine Navigationshilfe, das durch seine klare Struktur, die fundierten theoretischen Rahmungen und praktischen Anwendungshinweise und -beispiele dabei hilft, Komplexität in Veränderungsprozessen zielführend zu reduzieren. Und zwar, ohne den sich in inneren Bildern ausdrückenden Erlebnisgehalt zu trivialisieren. Denn dieser Schlüssel ermöglicht den Zutritt in den Möglichkeitsraum persönlicher Veränderung.     

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