Cover: Fühlen. Mit Emotionen arbeiten.
Martin Permantier, Susanne M. Zaninelli, Christoph Jan Kramer

Fühlen. Mit Emotionen arbeiten.

Rezension von Jan-Christoph Horn

3 Min.

Das Fühlen, um das es diesem Buch geht, beginnt, wenn man es in die Hand nimmt: Die Buchstaben des Titelwortes sind haptisch auf dem Cover zu spüren – ein feiner Verweis und Einstieg in ein Buch, dem man aufgrund seiner Intensität und Nachdrücklichkeit anmerkt, dass damit ein echtes Anliegen verbunden ist. 

Mit dem Buch realisieren die Autoren und Autorinnen eine umfassende Einführung und Darstellung in ein auch für das Coaching wichtiges Feld: Gefühle, respektive Emotionen. Denn wer keine Emotionen hat, ist tot. Gleichzeitig fasst man im Coaching Gefühle/Emotionen mitunter „mit Samthandschuhen“ an, möchte nicht zu nahe kommen und zu weit gehen. Hier gibt das Buch Ermutigung.

Denn das Buch verschafft Zugänglichkeit. Es ist gut strukturiert und grafisch gestaltet, wenn auch interessanterweise etwas dunkel gehalten und manchmal mit ungeschicktem Farbkontrast. Zugang verschaffen auch die Zeichnungen, die den verschiedenen „Gesichtern“ der Gefühle Ausdruck verleihen. Die begleitenden, in einem expressiven Comic-Stil gehaltenen Figurationen stechen besonders heraus. Sie sind derart eindrücklich, dass es einem beim Ekel geradezu schaudert.

Auf drei einführende Kapitel („Was Fühlen formt“, „Fühlen und Haltung“ und „Mit Emotionen arbeiten“) folgt ein umfangreicher (160 Seiten) Gang durch 16 „Gefühlswelten“ (u.a. Wut, Angst, Trauer, Freude). Das letzte Viertel umfasst einen „poetischen Essay“ über Liebe als bejahendes Prinzip alles Lebendigen sowie Anregungen zur Identitätsarbeit vom „Ich“ zum „Wir“ und weiter zu Allen und Allem. Die verschiedenen Kapitel sind in sich stimmig – wenn auch nicht ganz ohne Wiederholung – und zeugen von der Expertise der drei Autoren und Autorinnen (in den Bereichen Psychologie, Kulturwissenschaft, Kunsttherapie, Systemik und Organisationswissenschaft). Ausdrücklich hervorzuheben ist die gelungene Differenzierung zwischen Empfindung, Emotion und Gefühl (S. 13ff und Klappentext), die merkwürdigerweise dann aber nicht stringent fortgeführt wird.

Im Kern zielt das Buch auf die Unterstützung der Entwicklung emotionaler Kompetenz. Hierzu wird ein Modell von sechs Reifegraden (die Autoren und Autorinnen sprechen von „Haltungen“) angelegt (S. 20–25). Diese sind für die dauerhafte Orientierung als Lesezeichen beigelegt und mit Kurztexten in die Buchklappen gedruckt. Wie die sechs Haltungen zu einem Gefühl jeweils exploriert werden, zeigen Menschenkunde, Einfühlungsvermögen und Darstellungsfähigkeit.

Konzeptionell fußt das Buch auf (sozial-)konstruktivistischen Überlegungen (S. 40ff), was in Reflexion der Möglichkeit von Wirklichkeitsgewinnung auch unumgänglich ist. Kritisch anzumerken ist aber, dass in der Rezeption von Modellen und Gedanken der typische Fehler begangen wird, biologische, psychologische, systemische und systemtheoretische Herkünfte zu vermengen. Da wird zu munter hin- und hergeschaltet (z.B. S. 78). Auch das Grundlagenmodell wird wissenschaftlich zwar eingeordnet, aber nicht begründet. Damit ist zwar ein allgemein-hilfreiches Modell an die Hand gegeben, aber es werden doch auch nicht mehr als Allgemeinplätze beschritten. Insgesamt entsteht der Eindruck, dass das Buch etwas zu viel will. Es ist einen Deut zu voll an Gedanken und bleibt in der Verschaltung verschiedener Zugänge/Ideen stehen.

Ein direkter Bezug zum Coaching fehlt, ist aber auch keine Intention des Buches. Mittelbar lässt sich über Sozialkonstruktivismus und Emotionspsychologie sowie Impulse für Identitätsarbeit und Unternehmenskultur aber durchaus Wertvolles für die Coaching-Praxis entnehmen.

Fazit: Wer noch kein Buch über Emotionen im Regal hat, macht mit diesem Buch nichts falsch. Es lädt in die Welt der Stimmungen, Emotionen und Gefühle ein, ist aber etwas überladen.

Jan-Christoph Horn

www.janchrhorn.de

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