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Klaus Eidenschink

Die Kunst des Konflikts. Konflikte schüren und beruhigen lernen.

Rezension von Leane Zaborowski

4 Min.

„Alles Leichte ist schwer, bevor es leicht wird“, zitiert Klaus Eidenschink in seinem Profil auf LinkedIn den persischen Dichter Saadi. Dies könnte auch das Motto sein, unter dem er sein Buch „Die Kunst des Konflikts“ geschrieben hat. Denn schon während des Lesens keimt eine zarte Hoffnung auf, dass das, was unser aller Leben manchmal so herausfordernd und energiezehrend machen kann – Konflikte im menschlichen Miteinander – gar nicht so schwer sein muss, wenn wir nur über ein ausreichendes Verständnis über Konflikte verfügen. Wenn wir ihre Funktion und Dynamik verstehen, kann es gelingen, sie in ihrer Unvermeidbarkeit für uns nutzbar zu machen und zu regulieren. Das beginnt schon mit der befreienden Erkenntnis, dass Konsens nicht immer das Ziel eines Konflikts sein muss. Und dass es zwar dysfunktionale, aber durchaus auch sehr funktionale Konflikte geben kann, die zu durchleben sich für alle Beteiligten lohnt.

Die Konfliktkompetenz der Leser und Leserinnen zu erhöhen: Dieses Ziel erreicht Eidenschink mit einer gelungenen Mischung aus systemtheoretisch schwergewichtigen und sprachlich leichtfüßigen Erläuterungen und Praxisbeispielen aus seiner langjährigen Tätigkeit als Coach und Organisationsberater. In sechs klar strukturierten Kapiteln schildert der Autor, welche Funktionen soziale Konflikte haben, wie sie ein Eigenleben entfalten, welche Formen sie annehmen können, welche Kompetenzen Menschen im bewussten Umgang mit ihnen brauchen und wie man sie regulieren kann. Um Konflikte in ihrer Komplexität leichter beschreibbar zu machen, führt Eidenschink ein Modell mit neun verschiedenen Modi, so genannten Leitunterscheidungen, ein, innerhalb derer sich ein Konflikt bewegen kann. Diese unterteilen sich in eine Zeit-, eine Sach- und eine Sozialdimension. Jeder dieser Modi hat wiederum einen eskalierenden und einen deeskalierenden Pol – der eine verschärft den Konflikt, der andere mildert ihn ab. So prägen also insgesamt 18 Bewegungsformen die Dynamik von Konflikten, und alle sind anhand der beobachtbaren Kommunikation zwischen den Beteiligten wertfrei beschreibbar. Klingt kompliziert? Ist es nicht, wenn man das leicht verständliche Schaubild auf S. 51 vor Augen hat.

„Habe ich einen Konflikt oder hat der Konflikt mich?“ ist eine der zentralen Fragen des Buches. Elegant macht Eidenschink die unangenehme Tendenz von Konflikten, ein schwer kontrollierbares Eigenleben zu entwickeln, mit einer Personifizierung deutlich: Was findet der Konflikt gut? Worauf zielt der Konflikt? Wie nutzt der Konflikt Macht? Schnell wird deutlich, dass Konflikte nicht gelöst, sondern höchstens verstanden und klug reguliert werden können. Dazu braucht es seelische und kommunikative Kompetenzen, die bei jedem Menschen mehr oder weniger ausgeprägt vorhanden sind. Tabellen mit typischen Verhaltensweisen und Kommunikationsstilen sowie Reflexionsfragen laden dazu ein, die eigenen Fähigkeiten zur Regulation von Konflikten ehrlich zu beleuchten. Wer es ernst mit der Selbsterkenntnis meint, kann den einen oder anderen Abend damit verbringen.

Die kunstvolle Lösung im Konfliktgeschehen liegt laut Eidenschink darin, die eigenen Gefährdungen zu kennen, die individuelle Resonanz auf konflikthafte Situationen wahrzunehmen. Es gilt, kommunikative Spielräume zu gewinnen, damit sich Neues ereignen kann. Ist es wirklich so einfach? Keineswegs, aber bekanntlich ist ja alles Leichte schwer, bevor es leicht wird. Und so macht dieses Buch überraschend viel Lust darauf, sich gleich dem nächsten Konflikt zu widmen – ganz gleich, ob es ein eigener ist oder von einem Klienten.

Wenn es an diesem Buch überhaupt etwas zu kritisieren gibt, dann sind es Anzahl und Umfang der Fußnoten. Diese dienen zwar per se dazu, den Lesefluss nicht zu unterbrechen. Doch sind sie inhaltlich so gehaltvoll und interessant, dass man sie einfach nicht ungelesen lassen will. Und das macht die Lektüre letztlich doch recht komplex und störungsanfällig. 

Fazit: Ein anspruchsvolles und faszinierendes Werk, das den Lesenden einige Konzentration und solides Interesse an abstrakten Theorien abfordert. Gleichzeitig beschenkt es sie mit der Möglichkeit, die eigenen Konfliktkompetenzen auf ungewohnt tiefe Art zu reflektieren und die Kunst zu erlernen, Konflikte als Ressource zu verstehen und mit großer innerer Flexibilität zu ihrem Ziel zu führen: der Zerstörung einer nicht mehr tauglichen Ordnung und dem Aufbau einer neuen Stabilität.

Leane Zaborowski

BeCoSy | Beratung – Coaching – Synergie 
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