Sandra Diller, Eva Jonas

36 Bildkarten Psychologische Grundbedürfnisse erkennen

Rezension von Torsten Ferge

4 Min.

Beim Betrachten der Bildkarten musste ich an Thomas denken. Ich hatte Thomas 2018 auf dem Jakobsweg getroffen. Er wirkte sehr entspannt und in sich ruhend. Thomas hatte sich gefunden. Und er lebte ein radikales Leben in einem Wohnmobil, wenn er nicht auf dem Camino unterwegs war. Thomas war äußerst sparsam, reiste und genoss die Freiheit und arbeitete lediglich zwei oder drei Monate im Jahr für die nötigsten Mittel. Die eine oder andere der „36 Bildkarten Psychologische Grundbedürfnisse erkennen“ von Sandra Diller und Eva Jonas transportieren etwas von der Atmosphäre jenes sonnendurchtränkten spanischen Camino-Nachmittags. 

Dr. Sandra Diller ist Assistenzprofessorin im Bereich Organisationspsychologie und beschäftigt sich mit Führung und Führungskräfteentwicklung, sozialen Interaktionen in Unternehmen sowie der Rolle von Achtsamkeit im organisationalen Kontext. In ihren Coachings und Trainings verfolgt sie einen integrativen und bedürfnisorientierten Ansatz. Dr. Eva Jonas leitet als Universitätsprofessorin an der Paris Lodron Universität Salzburg die Abteilung Sozialpsychologie. In ihrer wissenschaftlichen Arbeit forscht sie zu Zusammenhängen zwischen Motivation, Informationsverarbeitung und Verhalten. Und sie verantwortet ein Projekt zur Weiterentwicklung Studierender durch Coaching und Mentoring. 

Die 36 Bildkarten sind mit dem dazugehörigen 24-seitigen Booklet in einem dünnen Pappschieber untergebracht. Die Bildkarten, die in 3 x 12 Gruppen unterteilt und farbig codiert sind, sind werthaltig auf dickes Papier gedruckt. Ihr nicht normiertes Format ordnet sich zwischen DIN A5 und DIN A4 ein. Das Booklet umreißt den theoretischen Hintergrund der Bildkarten, gibt Anwendungsbeispiele und stellt die Autorinnen vor. Es findet sich ein Verzeichnis der zugehörigen Literatur sowie eine Übersicht der Karten. Das Booklet lässt sich auf Englisch herunterladen, was die Nutzung der Karten und des dahinterliegenden Konzepts auch im anderssprachigen Kontext erlaubt. 

Die Bilder sind professionell fotografiert und wunderschön. Sie zeigen sonnengetränkte Szenen, die Farbgebung ist häufig gold bis braun. Jedes Bild erzeugt Atmosphäre und Stimmung. Die abgebildeten Personen sind BIPoC – Black, Indigene, People of Color. Auf den Bildern sind insgesamt mehr Frauen als Männer zu sehen. 

Das Konzept der Bildkarten mit der dazugehörigen Farbcodierung lehnt sich an die Selbstbestimmungstheorie, eine Motivationstheorie an. Über Farben sind die Karten jeweils entsprechend der Theorie in eine der drei Bedürfnisrubriken unterteilt: Autonomie, Kompetenz und soziale Eingebundenheit. Im Booklet findet sich ein Hinweis auf eine Datei zum Download, die das Testverfahren erläutert, mit dem die Karten ausgewählt und der jeweiligen Bedürfnisrubrik zugeordnet wurden. Neben einem theoretischen Abriss der zugrundeliegenden Selbstbestimmungstheorie stellt das Booklet Szenarien und Beispiele zur Anwendung des Kartensets vor: bei der Start-, der Arbeits- und für die Endphase eines Coachings. 

Die Bildkarten sprechen ästhetisch eine sehr zeitgemäße, sehr ansprechende Sprache. Zugleich gibt es mit der Selbstbestimmungstheorie ein wissenschaftliches Fundament sowohl für die Auswahl der Bilder als auch für die angenommene Bedürfnisstruktur der Klientinnen und Klienten. Die Karten bilden nicht die gesamte Breite menschlicher Bedürfnisse ab, sondern konzentrieren sich auf drei Rubriken. Für ein Coaching mit dem Entwicklungsfokus auf Beruflichkeit ist das legitim. Zugleich stellt sich die Frage, ob die Arbeit mit den Bildkarten auch ohne theoretische Vorkenntnisse durch den Coach passend wird. Hier braucht es unter Umständen die eine oder andere Vertiefung. 

Auf den Bildkarten sind mehr Frauen als Männer abgebildet. Im Testverfahren zur Auswahl der Bilder waren 2/3 der Probandinnen Frauen. Nach meiner eigenen Beratungserfahrung aus dem kirchlich-sozialen Bereich sowie aus der Coaching-Arbeit bei der Polizei NRW sind Frauen eher für Coaching und Supervision offen. Vielleicht bildet das Kartenset ein bestimmtes strukturelles Muster in der Ansprechbarkeit für Beratung und Coaching ab. Oder es geht den Autorinnen programmatisch um die weitere Sichtbarmachung der Bedürfnisse von Frauen. Coaching und Supervision haben immer auch eine politische Komponente. Es geht um Ermächtigung. 

Fazit: Die starken Bilder des Sets von Sandra Diller und Eva Jonas setzen auf Atmosphäre und vermitteln intensive Energien. Im Coaching können sie Klientinnen und Klienten dabei helfen, mit den eigenen Bedürfnissen in Kontakt zu kommen und diese ernst zu nehmen. 

In meinem strukturierten Arbeitsalltag denke ich häufig an Thomas, an sein radikal freies Leben und an unseren Kontakt auf dem gemeinsamen Camino-Abschnitt.

 

Torsten Ferge

Coach und Supervisor
www.ferge-coaching.de 

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